England 1760 - 1820

George III
1760 - 1820

 Ich hoffe, dieses Kapitel kann einen kleinen Einblick geben in die zeitlos schöne Silberkunst dieser Epoche.

Das Roccoco verabschiedete sich etwa 1770 endgültig.

Von 1770 bis 1795 prägte der Neoklassizissmus / Adam-Style das schlank-elegante Design.

Bevor es dann im Regeny, ab etwa 1810, wieder opulenter wurde.

Neoklassizissmus / Adam-Style (ca. 1770 bis 1795)

 Neoklassizismus beim englischen Silber bedeutet (vereinfacht ausgedrückt):

Aufnahme der Formen aus der klassischen Antike - von Rom bis Athen.

Von den Säulen der Tempel (Leuchter) ...

... über die Amphoren (Kannen) ...

   

 ... bis zu den typischen Verzierungen:

Girlanden, "Aladins Wunderlampe" und ...

 

... Widderköpfe.

 Dieser Stil war im United Kingdom sehr eng verbunden mit dem schottischen Architekten Robert Adam und wird deshalb auch Adam-Stil genannt.

gutes altes Fachbuch

Nicht nur er war inspiriert von seinem Studium in Italien. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts war es für junge Männer aus gutem englischem Hause üblich, zum Abschluss der Studienzeit eine große Reise zu machen.

Die "Grand Tour" führte meist nach Italien / Südeuropa.
Auch die Ausgrabungen von Herculaneum und Pompeji schafften ein Bewusstsein für diese vergangene Zeit.
 
 

 Wein- und Wasserkannen aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

 

 Nebenbetrachtung: Service oder Ensemble

Es ist wie es ist: Es gibt praktisch keine kompletten Kaffee- und Teeservice "aus einer Hand" aus der Zeit vor 1785. Das früheste mit gleichen Punzen auf allen Teilen, welches ich in all den Jahren gefunden habe, ist von 1791 (s. oben).

Von 1786 hatte ich auch eines - aber die Teile haben unterschiedliche Meistermarken. Nun habe ich schon an anderer Stelle erläutert, warum die Meistermarken nicht als so wichtig angesehen werden sollten. Bei einem Service ist für mich wichtig, dass alle Teile aus der gleichen Zeit (etwa plus /minus 3 Jahre) stammen und natürlich das identische Design haben.

Aber es gibt nichts von vor 1785, weil man damals einfach nicht in der Kategorie "Service" dachte. Man kaufte die Teile einzeln. Eine Teekanne war eine Teekanne und wurde gekauft wenn man sie brauchte. Und eine Zuckerschale war eine Zuckerschale. Punkt.

Wenn man also ein komplettes Service mit identischem Design aus dem 18. JH haben möchte, dann bleibt einem nichts anderes üblich, als entweder mit Engelsgeduld und viel Glück immer wieder den Markt zu scannen, um vielleicht einzelne identische Teile zu finden und zusammenzuführen. Oder eine der qualitativ meist sehr guten Reproduktionen aus dem 20. JH zu erwerben. 

Hester-Bateman-Stil von Vander, 1988

Design ca. 1780 - 85

 

Alternativ, und damit zurück zu den Originalen, stellt man sich ein Ensemble zusammen aus

erstklassigen Einzelstücken - so, wie es eben zu der Zeit auch gemacht wurde.

"Eigentlich" passen die gar nicht zusammen:

1791 und 1781, eckiger Fuß und runder Fuß, reeded und beaded

(siehe dazu unten mehr), unterschiedliche Gravuren und Wappen.

Aber nur "eigentlich" ....

Zumal man ja auch einfach innerhalb der Designlinien kombinieren kann:

 

Ich sehe zwischen 1760 und 1795 vier große Designlinien: 

1) In den 1760er Jahren waren diese Ränder populär (gadroon)

gadroon decoration

 

2) Ein paar wenige Jahre um 1775 herum: Die Zeit der Girlanden (garland)

Die Korpusse noch handgetrieben.

garland decoration

  

3) Ziemlich genau von 1778 bis 1785: Die Zeit der Perlen (beaded decoration)

Um 1775 setzte sich die günstigere Produktion aus gewalztem Silber durch.

Aber mit sehr aufwändigen Verzierungen: Den Perlen, vor allem an den Rändern, im Zusammenspiel mit Gravuren.

Für mich eine der schönsten und wertigsten Perioden der Silberkunst. Man findet wenige Stücke aus der Zeit und es hat ein bisschen gedauert, dieses Ensemble aus erstklassigen Einzelstücken zusammenzustellen.

Ein Ensemble aus den Jahren 1779 bis 1784

Die Details finden Sie, wenn Sie ganz unten auf dieser Seite auf "weiter" klicken oder hier: 

http://www.silber-galerie.de/ensemble-1779-1785.html

ohne Worte

 

4) von 1785 bis 1795: Die Zeit der Streifen (reeded decoration)

Kaffee und Tee 1789 -1794

 In diesem Zeitraum wurde tendenziell alles schlichter. 

Die Perlen wurden durch die Streifen abgelöst. Die zunächst noch sehr aufwendigen Gravuren wurden weniger. Zurück blieben auch viele praktisch unverzierte Stücke (wie das abgebildete Körbchen) - dabei aber hochelegant!

Das hatte sicher nicht nur mit wandelndem Geschmack zu tun, sondern hatte auch handfeste wirtschaftliche Gründe: Die Produktion war deutlich billiger - und das war auch sinnvoll, denn der Markt für Teekannen und Zubehör wurde deutlich breiter durch die drastische Reduktion der Teesteuer im Jahre 1784 von 119 % auf 12,5 % - wodurch zunächst die Schmuggler arbeitslos wurden.

Aber wurde die Steuer "abgeschafft"? Nein, Steuern werden nie abgeschafft, das wissen wir doch. Die heute noch erhobene Sektsteuer in Deutschland wurde 1902 zur Finanzierung der Kaiserlichen Flotte eingeführt! Und die Engländer führten "rein zufällig" auch 1784 wieder eine Steuer und die Steuermarke auf Silber ein, den Monarchenkopf. Man brauchte eine neu Quelle, da die Teesteuer nichts mehr brachte - der weitaus meiste Tee wurde ins Land geschmuggelt, mit praktisch offener Unterstützung der Bevölkerung.

Wie immer: Steuern werden nur gegen verdeckt höhere Steuern ausgetauscht. Wollen wir wetten in Bezug auf den Soli? ;-)

 Die ersten Service wurden verkauft - und selbstverständlich gibt es passende Tabletts.

reeded design

 

Regency (1810 bis 1820)

Wenn man von georgian silver spricht, dann wird oft die Zeit von George I bis George III (also bis 1714 - 1820) gemeint. Streng genommen gehört natürlich auch noch "der Dicke" dazu. Ich habe seine Episode zweigeteilt:
Hier das Regency vor seiner Krönung und im Register "England 1820 - 1901" seine Königsjahre.

King George IV  1820-1830

Prinzregent 1810-1820

Schon 1810 übernahm er von seinem senilen Vater die Amtsgeschäfte und führte sie bis zu dessen Tod und seiner eigenen Krönung 1820 als "Prinzregent".
Daraus abgeleitet bezeichnet man designtechnisch diese Zeit als "Regency".

Zur Anschaung empfehle ich Ihnen auch

http://www.koopmanrareart.com/media/koopmanmedia/regencysilver2013.pdf

George IV war ein großer Patron der (nicht nur Silber-) Kunst.
Ab 1810 wurde das Silber tatsächlich schlagartig opulenter - ganz seinem Lebensstil entsprechend.
 

1810   Robert + Samuell Hennell

 

1810   Suppenterrine    William Bennett   London

1811   sauce tureen   Thomas Robins   London

 

1816   John Watson   Sheffield

Delphine sind ein oft gesehenes Detail aus dieser Zeit,

auch an Brunnen, Toren u.a.

 

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