Wie bitte?   Preiswert sammeln?   Silber!?!   Wie geht das denn?

Möglicherweise stellen sich Ihnen bei der Überschrift dieses Kapitels auch diese Fragen.

Preisgestaltung - ein weites Feld!

Ich denke, zunächst sollten wir eine paar Begriffe klären. Zwischen "preiswert" und "billig" liegen nach meiner Erfahrung nämlich oft Welten. Auch "billig" oder "teuer" sind relative Begriffe.

Billige Sachen habe ich nicht - billig im Sinne von "die kosten nur 3 Euro fuffzig". Gute Silberkunst kostet meist auch viel Geld. Ist sie deshalb teuer?

"PREISWERT" ist wichtig! Denn die teuersten Produkte sind die billigen, die Ihren PREIS nicht WERT sind.

Die z.B. ihren Zweck nicht erfüllen. Also die Teekanne, die billiger war - aber undicht ist. Oder der Kerzenleuchter, der schief steht. Oder der "faule Kompromiss", an dem man keine reine Freude hat.

Preiswert ist nie teuer.

Ich bemühe mich, nur allerbeste Ware anzubieten. Mag sein, man erschrickt manchmal im ersten Moment, wenn man den Preis sieht. Hat man das nicht schon billiger gesehen? Nein, sicher nicht - wenn man genau vergleicht!

So investiere ich viel Geld, um z.B. die meisten Bestecke von einem sehr erfahrenen Silberschmied professionell reinigen und polieren zu lassen. Das finden Sie nur im allerbesten Einzelhandel.

Im Bereich der antiken Kunst gibt es kaum ein und das selbe Stück 2x.

Man hat also selten einen direkten Preisvergleich mit einem identischen Angebot. Während es wenig Sinn macht, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, muss man doch manchmal Aprikosen und kleine Pfirsiche gegeneinander abwägen.

Dank Internet ist ein Preisvergleich so leicht wie nie.

Weltweit! (aber Achtung auf Zoll und 19% Einfuhr-UST)

Grundsätzlich lautet meine Empfehlung:

Zahlen Sie nicht mehr als nötig - aber kaufen Sie nur Top-Ware. Top-Ware ist fast immer preiswert. Schrott nur billig.
Abgesehen davon, dass Sie Top-Ware auch immer wieder gut verkaufen können.

Und noch ein Argument, bei der Anschaffung keine (faulen) Kompromisse zu machen:
Nehmen wir als Beispiel ein Paar Kerzenleuchter für Ihren Esstisch. DAS Paar, das Ihnen am besten gefällt! Nehmen wir an, Ihre Traumleuchter kosten 2000 € mehr als der Kompromiss. Also viel mehr!
Und nehmen wir an, Sie nutzen den Esstisch an 300 Tagen im Jahr. Und das noch 10, 20, 30 ... Jahre.

Rechnen Sie selbst, wie wenige Cent pro Tag es Sie kostet, KEINEN Kompromiss zu machen. 

Bei allen rationalen Überlegungen soll man sich aber auch nichts vormachen: Sammeln von schönen Dingen ist (wie fast alles im Leben) eine Bauchangelegenheit, die dann im Kopf begründet wird.

Hier ein paar Informationen über die Faktoren, die neben Zuneigung und Zustand die Kaufentscheidung beeinflussen: 

 

Der Silberpreis

Er bildet sozusagen die untere Wertgrenze. Nun hat jeder seine eigene Meinung über die zukünftige Entwicklung. Aber die Preise für gutes antikes Silber werden wohl kaum fallen. Denn es wird ja nicht mehr. Und bei der nächsten Silberhausse werden wieder unvorstellbare Mengen einfach eingeschmolzen und sind auf immer verloren - was den Markt noch enger macht.

Grundsätzlich finde ich die Diskussion um den Materialwert eines schönen antiken Stückes ermüdend. Wer fragt nach dem Materialwert eines Bildes? Oder von Meissner Porzellan? Ich glaube kaum, dass ein Bilder - Händler schon mal gehört hat, er müsse seine Preise senken, schließlich sei der Preis für Papier an der Börse gefallen.

Ich höre so etwas schon mal in Bezug auf Silber. Ich verweise dann darauf, dass ich nicht im Rohstoffhandel tätig bin. Und auch nicht im Altmetallhandel.

Aber ich verstehe jeden, der bei Preisen für "Kunst" den Kopf schüttelt.

Mein aktuelles Lieblingsbeispiel. 1 x 1 m von einem Herrn Josef Albers aus Bottrop.

Hat 676000 Euro gebracht bei Lempertz im Dez 2016. Finden Sie auch zu viel? Klar. Weil wir beide zu blöd sind, das Geheimnis zu erkennen. Deshalb hier die Erklärung:

„Dank ihrer Bildaufteilung im Verhältnis 1:2:3 bleiben die Homages mit den Füßen auf dem Boden, während sie mit den Köpfen in den Himmel reichen. Das zentrale oder erste Quadrat ist wie ein Samenkorn: das Herz der Dinge, das Innerste, aus dem alles weitere herausstrahlt. Die Segmente unterhalb dieses Quadrats, die Teile von zwei oder drei größeren, nach außen strebenden Quadraten sind, verdoppeln nach rechts und links ihre Breite und verdreifachen sie nach oben hin. Bei einer Bildaufteilung mit vier Quadraten zum Beispiel, die zehn Maßeinheiten hoch und zehn breit ist, beträgt die Breite des mittleren Quadrates vier Maßeinheiten, während jedes der äußeren Quadrate auf der Unterseite eine halbe Einheit, rechts und links eine Einheit und an der Oberseite anderthalb Einheiten mißt.“ 

Zu kompliziert? Dann hängen wir uns doch einfach einen "Farbraumkörper" von Graubner an die Wand - für 580000 €.

 

 Fazit: Wer nur auf den SilberPreis schaut, der sollte keine SilberKunst kaufen -

sondern SilberBarren und SilberSchrott (zum einschmelzen).

Bei den guten Stücken muss man anders kalkulieren. Denn weder haben sich die Preise für antikes Silber überschlagen, als der Silberpreis spekulativ wie eine Rakete nach oben schoss. Noch kosten gute Stücke plötzlich die Hälfte, nur weil der Silberpreis wieder "normal" ist.

Vor allem bei älteren Stücken, also z.B. bei Kerzenleuchtern oder Kannen aus dem 18. Jahrhundert, spielt der reine Silberwert eine untergeordnete Rolle. Da zählt viel mehr der Seltenheitswert. Die Aura des Alten, Originalen u.s.w.

Art Deco pur

Das gilt aber auch für jüngere Stücke, wenn diese selten sind oder ganz besonders im Design.  Zum Beispiel das Art Deco Service von Walker + Hall 1947. Mit den nicht verloren gegangenen original Holzfüßen eine Rarität und ein Meisterwerk des Art Deco. Wie könnte man da allein in der Dimension "Silberpreis" denken?

 

 Silbergehalt - wie viel Silber ist denn nun drin?

Reines Silber wäre zu weich für den Gebrauch. Deshalb mischt man ihm ein paar Anteile u.a. Kupfer bei.

925er Sterling Silber besteht z.B. aus 925 Teilen Reinsilber und 75 Teilen Kupfer.

Im deutschsprachigen Raum wurde und wird oft 800er Silber verwendet. Der Kupferanteil ist also entsprechend höher - und das hat Auswirkungen auf die Anmutung. Denn jedes Silber reflektiert das Licht etwas anders. Grundsätzlich kann man sagen, je höher der Silberanteil, desto heller.

Stücke aus 800er Silber werden deshalb nach der Fertigstellung feinversilbert, also mit einer ganz feinen Schicht Silber überzogen, die fast keinen Kupferanteil hat. So erreicht man die rein silbern scheinende Oberfläche. Irgendwann (nach Jahrzehnten) ist diese dünne Schicht runter poliert - und dann ist es besser, sie mit einer professionellen Politur ganz zu entfernen und eine neue Feinversilberung aufzutragen - dann sieht alles aus wie neu.

um 1930   Gottfried Kurz   Schwäbisch Gmünd

800er Silber nach professioneller Politur mit Feinversilberung

Oder man stellt fest, dass einem die "kupferhaltige" warme Farbe gefällt.

Es ist immer noch Silber - aber die Farbe geht ein ganz kleines bisschen ins Messing.

um 1930   Gottfried Kurz   Schwäbisch Gmünd

800er Silber nach professioneller Politur ohne Feinversilberung

Wo wir gerade beim Auftragen von Feinsilber (dem "versilbern") sind - es gibt natürlich auch diese preisgünstige Variante: Man trägt im galvanischen Verfahren die Schicht aus Feinsilber nicht auf 800er oder anderem Vollsilber auf, sondern auf einen Metallkern, z.B. Kupfer. 

Solche versilberten Bleche werden Sie aber bei mir nicht finden! (Oder es wird ganz speziell darauf hin gewiesen!)

Bevor um 1840 das galvanische Verfahren der Versilberung erfunden wurde, gab es rund 100 Jahre auch das sogenannte Sheffield-Silver. (Nicht zu verwechseln mit Sterling-Silber, das in Sheffield gepunzt wurde). Dabei wurde mechanisch auf ein Stück Kupfer eine dünne Silberschicht aufgeschlagen. So konnten sich auch die weniger betuchten Kreise Haushaltsilber leisten.

 Massives Silber aus dem United Kingdom ist fast immer aus 925er Sterling Silber.

Links der schreitende Löwe für Sterling

 Nur von 1697 bis 1720 war als Standard 958er Britannia Silver vorgeschrieben - mit der sitzenden Britannia in der Punze. Man wollte unterbinden, dass massenhaft Münzen (925er) an den Rändern abgefeilt wurden, oder gar eingeschmolzen, um Silber für Tafelsilber zu gewinnen. Nachdem der Sterling-Standard wieder zugelassen wurde, blieb Britannia Silver als Alternative bis heute bestehen. Es wird gerne verwendet bei der Wiederverwendung von Design aus dem frühen 18. Jahrhundert. Steht in der Wertigkeit gleichberechtigt neben Sterling Silver.

2. v. l. die sitzende Britannia für 958er Silber

 In Frankreich und Japan ist 950er Silber gebräuchlich, oft auch in Mexico.

In Deutschland, bei den Habsburgern, im Zarenreich und im alten Skandinavien meist 800 /830 /835er.

In USA war bis weit ins 19. JH hinein coin silver gebräuchlich. Silber kam in erster Linie durch Münzen aus aller Welt ins Land und die eingeschmolzenen Münzen hatten unterschiedliche Reinheitswerte. Meist unter Sterling (925/1000), teilweise sogar darüber.

Eine besondere Form ist das vergoldete Silber (gilt). Dabei wird mit verschiedenen Methoden auf das (massive) Silber eine dünne Goldschicht aufgetragen. 

Sieht für meinen Geschmack am besten aus in Verbindung mit Holz.


 Die "richtige" Marke?

Welche Bedeutung die "richtige" Marke hat, erleben Kinder heute schon auf dem Schulhof. Ich stehe dem eher distanziert gegenüber, auch beim antiken Silber.

Die Maker`s Mark

Bis vor gar nicht so langer Zeit hat die Fachwelt gedacht, die Maker`s Mark würde den "maker" identifizieren, also den Silberschmied, der das Stück geschmiedet hat. Heute weiß man: spätestens seit dem 18. JH stimmt das so nicht.
Ich zitiere dazu Auszüge (sinngemäß übersetzt) aus einem sehr aufschlussreichen Buch 

 Helen Clifford    Silver in London
The Parker and Wakelin Partnership

  Es beschreibt an Hand dieses erfolgreichen Silberhandels, eingebettet in die London Society, wie dieser schon Mitte des 18. Jahrhunderts sehr professionell strukturiert war - lange vor der offiziellen „Industriellen Revolution“.

…. Die sog. „Maker`s Mark“ erscheint auch unter einem völlig anderen Blickwinkel. Objekte, von denen man lange dachte, sie wären von einem einzigen Paar Hände geschaffen worden oder zumindest in einer Werkstatt, entpuppen sich nun als gemeinsame Arbeit vieler Fachkräfte, oft verteilt auf viele verschiedene Werkstätten.
Man sollte English Silver mehr verstehen als Erzeugnis eines vielschichtigen Handels als von talentierten Individualisten und den Wert der sogenannten maker`s mark nicht überschätzen. (John Culme 1987)
Ähnlich wie mittelalterliche Altare die Gemeinschaftsarbeit von vielen „Handwerks-Künstlern“ waren - von Malern, Schreinern und Bildhauern - so erforderten nicht nur große und komplexe Silberarbeiten ein großes Team von Spezialisten.
So waren z.B. vier Familienwappen aus gegossenem Silber, für Lord Brownlow bei den Vulliamy Brothers erworben zur Krönung von 2 Terrinen, gemäß den Geschäftsbüchern eindeutig das Produkt von nicht weniger als 7 Fachkräften:
„Cramphorn made the model in wax, which was cast as pattern by Barnet. This was then used to cast the four coats in silver by Cooke, which were filled up by Culmore, chased by Caney and Barker and burnished by Seagrave.”  

 

Wie soll man nun die Maker`s Mark werten, die ja immer öfter als Sponsor`s Mark bezeichnet wird?

Natürlich garantieren einige Firmenstempel praktisch immer gute Qualität. Auch noch im 19. und 20. Jahrhundert. Die großen Handelshäuser wie z.B. Garrards und Elkington kauften und vertrieben nur Top-Ware.
Am Ende muss man sich jedes einzelne Stück anschauen. Denn auch das Silberhandwerk wurde schon in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer Industrie wie jede andere - der Meister gab seinen guten Namen, aber das Handwerk verrichteten durchaus andere.

Die Meisterswerke von Paul Storr oder Paul der Lamerie entstanden nicht, weil das geniale Silberschmiede waren, die in dunkler Werkstatt bei Kerzenlicht zauberten. Ihre Leistung bestand vielmehr darin, die besten Ideen zu sammeln, die interne und externe Umsetzung durch die besten Fachkräfte zu organisieren, damit den Geschmack zahlungskräftiger Kunden zu treffen und durch deren Aquise den Absatz zu ermöglichen.

Modernes Management eines mittelständischen Familienunternehmens. Was soll daran schlimm sein?

4 Rococo-Leuchter von Paul de Lamerie kosten locker 200000 €

Wenn Sie Glück haben, finden Sie exakt die gleichen Leuchter ein paar wenige Jahre jünger von Philip Garden oder Thomas Gilpin. Für dann "nur" 50000 €. Denn Garden hat die Werkzeuge von Lamerie gekauft nach dessen altersbedingter Geschäftsaufgabe. Und Gilpin hat sie offensichtlich auch genutzt

Oder nehmen Sie als Beispiel das folgende Service. Tolle Qualität, 800er Silber. Aber ich kann nicht einmal sicher sagen, aus welchem Land es kommt. Denn es stammt aus Kontinentaleuropa - und da ist es nicht so klar mit der Punzierung wie in England. Die Form des Silberstempels läßt auf Italien schließen. Der Stil würde auch zu der Zeit passen, zu der in Italien die Stempel so aussahen; also auf die 1930er und 1940er Jahre. Aber die Herstellerzeichen habe ich nicht identifizieren können. Das tut dem Wert aber kaum Abbruch, denn ...

... mehr Art Deco geht kaum.

 Daher auch mein schon erwähntes Motto:  

 "Ich sammele was mir gefällt. Und Qualität - keine Punzen."

Trotzdem finden Sie ganz unten auf dieser Seite eine kleine Einführung in die Welt der englischen Silberpunzen (hallmarks).
 

Für mich persönlich spielen bei der Bewertung von Qualität und Wert andere Faktoren ein größere Rolle: 

Die Verarbeitung und der Zustand

Antiquitäten sind keine Neuware. Leichte Gebrauchsspuren gehören einfach dazu, machen sogar oft den Charm aus. Aber eben nur leichte Gebrauchsspuren. Also: Kleine Druckstellen, ja. Größere Dellen, nein.

Jedes Teil hat seine eigenen "Kinderkrankheiten", auf die man achten sollte. Bei Kannen prüfen Sie natürlich u.a. Dichtigkeit, Spiel des Scharniers, Sitz des Griffes. Bei allen Verzierungen: Sind die scharf oder blind poliert? Sind sie original? (siehe z.B. Rococo). Ordnungsgemäße Punzierung?
Sind die erhabenen Stellen durchpoliert? (z.B. bei gefüllten Leuchtern)

Ich könnte diese Liste beliebig verlängern. Aber letztendlich kaufen Sie ja beim Fachmann, damit Sie in den Bereichen vor Überraschungen sicher sein können.

Verzierungen

Gleich 2 Methoden kann man bei diesem salver von 1824 erkennen, von dem ich auch die Rückseite zeige.

Zentrum graviert, außen chased

chasing sieht man auf der Rückseite, Gravur nicht

"engraving" bzw. "bright cut engraving"

Wie bei einer Gravur wird Material entfernt, um die gewünschte Zier oder Inschrift zu schaffen.
Zum Beispiel bei praktisch allen Familienwappen. Man sieht nichts auf der Rückseite, weil vorne einfach Material entfernt wurden.

"chasing" oder "flat chasing"

Sieht aus wie eine Gravur, ist aber keine. Denn beim chasen wird das Silber von außen nach innen/zur Seite verdrängt, aber nicht entfernt. Ist ein bisschen wie Treibarbeit von außen, nur feiner. Auch schön auf der Rückseite des Tabletts oben zu erkennen.

Zusätzliches Material erfordert die Verzierung durch

"cut card"

Aus dünnen Platten ausgesägte Verzierungen werden aufgesetzt.

Italien   Mitte 20. Jahrhundert - im Stil des späten 17. Jahrhunderts

 Gegossene Verzierungen " cast applications" werden aufgesetzt. Diese erhöhen, wie die cut cards, natürlich auch das Silbergewicht der Stücke, .z.B. diese gegossene Krone auf einer amerikanischen Teekanne von 1811.

 gegossene Krone

"embossing" oder "repousse" oder "martelé"
Die klassische Treibarbeit. Von innen wird das Silber nach außen gearbeitet (getrieben) und es entstehen 3-dimensionale Verzierungen. 

um 1890   Hanau

 

Handarbeit - Handgehämmert - hand wrought

Immer etwas ganz Besonderes! 

 Mal ist die gehämmerte Oberfläche etwas betonter ...

 Bei der Herstellung von Silberwaren sprechen wir spätestens seit der Mitte des 18. JH von einer sich entwickelnden Industrie wie jede andere – einschließlich Zulieferern, Arbeitsteilung, Spezialistentum, outsourcing und Handel.

Es ist ein ganz natürliches Bedürfnis des Handwerks und des Marktes, durch Einführung moderner Techniken die Herstellung zu vereinfachen und damit die Lohn-Stückkosten zu senken. Während ursprünglich nur die Kraft der Hand und vielleicht Wasserkraft zur Verfügung standen, so kam in der Mitte des 18. JH die Dampfkraft dazu. Diese erlaubte den Einsatz von Walzmaschinen und Stempeln. Später kam die Elektrizität. Sie ersetzte z. B. die mechanische Versilberung von "Sheffield plate" durch das elektrolytische Verfahren. Die Spezialiserung der Arbeiter in den Produktionsprozessen führte weg von der kleinen Werkstatt hin zu Fabrikbetrieben.

Im frühen 18. JH mußte man mit den traditionellen Herstellungsverfahren etwa folgenden Zeitaufwand rechnen: 

Für eine handelsübliche Sauciere auf 3 Füßen: 60 Arbeitstunden. Plus 20 Arbeitstunden für die Politur! 40 Stunden für einen normalen gegossenen Kerzenleuchter und 160 Stunden für einen handgehämmerten bullet teapot. 

 Familie Hart   Chipping Campden (siehe 20. Jahrhundert)

Klar, heute geht es auch bei reiner Handarbeit deutlich schneller. Moderne Hochleistungs-Gasbrenner haben das Holzkohlefeuer ersetzt. Man startet heute vielleicht doch mit einem gedrehten Korpus oder gewalztem Silber und muss nicht erst einen Silberklumpen exakt flach klopfen - was extrem schwierig ist, weshalb komplett handgemachte Tabletts oder gerade Seiten zwar simpel aussehen, aber größtes handwerkliches Geschick erfordern.

Schleif- und Poliermaschinen gab es früher auch noch nicht. Aber auch heute ist Handarbeit noch sehr zeitintensiv.

Schauen Sie sich mal dieses Video an und stellen Sie sich vor, er hätte diese moderne Technik noch nicht bei der Herstellung seiner Kelche. Und müßte dann noch (wie bei den goblets unten) den Perlrand gestalten und die Gravuren!

https://www.youtube.com/watch?v=xyw7d10yowe

1783  Patrick Cunningham   Edinburgh

Spätestens ab der 2. Hälfte des 19. JH, als sich durch den wirtschaftlichen Aufschwung in England immer mehr Haushalte Tafelsilber leisten konnten, stand die anonyme maschinelle Massenproduktion im Vordergrund.

Wann immer man also ein Stück in die Hand bekommt, das ein Silberschmied wirklich noch mit dem Hammer aufgebaut oder zumindest bearbeitet hat, merkt und sieht man die Qualität sofort. Sowohl am Gewicht als auch an der samtenen Oberfläche. Das ist eine ganz andere Welt als die maschinell plattgewalzten und dann zusammen gelöteten Silberbleche der industriellen Massenproduktion.

... mal wirkt die gehämmerte Oberfläche etwas samtener.

  

 Proveniance / Vorbesitzer / Herkunft

Familienwappen (armorials / coat of arms und crests) verleihen jedem Stück eine Einmaligkeit.
Nicht alle sind zu identifizieren - aber sehr viele öffnen Türen zu interessanten Hintergründen.

Für die Latainer unter den Lesern: Wundern Sie sich nicht über diverse Schreibfehler aller Art in den Mottos auf englischen Wappen. Die Graveure waren "einfache" Handwerker, die wahrscheinlich keine Ahnung hatten, was sie da in einer fremden Sprache schrieben. Und bei den Eigentümern der Wappen bin ich mir da auch nicht so sicher.

Bei dem Wappen unten haben wir ein schönes Beispiel. Das Motto lautet eigentlich "Forte scutum salus ducum" Der Graveur schrieb aber "Morte scutum ..." Das macht schon einen kleinen Unterschied auf einem Hochzeitsgeschenk :-)

   

Auf Kanne von William Crisp, London 1753

Anlässlich Heirat v. Mathew, 2. Baron Fortescue von Castle Hill

im County Devon (*31. März 1719  +10. Juli 1785)

mit Anne  (+ 26. Mai 1812), 2. Tochter v. John Campbell von

Cawdor Castle im County Nairn und Stockpole Court

im County Pembroke, am 8. Juli 1752.

Webseite "castlehilldevon" hier klicken

 

Auf einer Kaffeekanne von

John King, London 1772

Crest der Familie Compton, Spencer

8th Earl of Northampton

 

Andere Silberschätze erzählen richtige Geschichten:

1811   Harvey Louis   Philadelphia

 Es gehörte der Familie von General Gordon Meade, dem Kommandeur der Unionstruppen im Amerikanischen Bürgerkrieg, u.a. bei der Schlacht in Gettysburg.
Dessen Urenkel, George Meade Easby, wachte in seinem Baleroy House in den Chestnut Hills von Philadelphia über eine riesige Antiquitätensammlung, von denen er immer wieder Teile verlieh - u.a. anderem ans "Weiße Haus".
So war dieses Service zur Amtszeit von Richard Nixon eine persönliche Leihgabe an diesen.

   
Der Schlüssel für den langjährigen Kurator von State Department und White House, Mr. Clement Conger.
 
  Autor des Buches "Treasures of State"
 
   
     

"Big is beautiful"  30 cm hoch. Da wiegt dann die Zuckerdose auch schon mal 1 kg.

 

 Englische Punzen

   

John Smith I (Grimwade 2579), sitzende Britannia,

Lion`s head erased, Jahresbuchstabe 1699/1700

 

Sterling Lion, Leopard`s Head für London,

Jahresbuchstabe 1790, als duty mark der Kopf von

George III, maker`s mark von

John Crouch + Thomas Hannam (Grimwade 1233)

Thomas Tearle (Grimwade 2938), Sterling Lion, Leopard`s Head,

Jahresbuchstabe 1733. Zusätzlich das "scratch weight",

das "eingekratzte" Silbergewicht zum Zeitpunkt der Stempelung

(wird im Laufe der Zeit etwas weniger durch polieren):

Genau 25.0.0. Troy Unzen.

 Um zu vermeiden, dass jemand durch einen zu niedrigen Anteil Silber betrogen wird, wurde schon im Jahre 1238 der Sterling- Standard festgelegt.
Sterling Silber muss mind. 925/1000 pures Silber enthalten.

Seit 1300 wird Silber in der London Guild (heute Assay Office der Goldsmith`s Company) auf seine Reinheit getestet und mit dem Leopardenkopf gepunzt.
1363 wurde die maker`s mark (Meistermarke) eingeführt und seit 1478 gibt es die Jahresbuchstaben.

Das "Silberjahr" beginnt nicht am 1.Janaur, sondern am Jahrestag des Schutzpatrons der Silberschmiede, St. Duncan, am 19. Mai. Ein Buchstabe bezeichnet deshalb immer Teile von 2 Kalenderjahren.

Der Löwe / lion passant kam erst 1544 dazu. 

   

 Für den Hausgebrauch

reicht dieses Handbuch

über englische Punzen völlig.

 

Für die Identifizierung

von frühen makern

(teuer!)

 

Meistens reicht auch ein Blick auf diese Seite:  http://www.silvermakersmarks.co.uk/index.htm

 oder auch mal hier
  http://www.925-1000.com


Die Engländer haben sicher das perfekteste System - und das ist auch ein Vorteil des englischen Silbers. Eine Identifizierung ist sicher und leicht. Es ist so eine Art TÜV-Siegel, an dem man ablesen kann, wo und wann das gute Stück für wen gestempelt wurde.

Neben der maker`s mark (siehe unten) finden wir dort:

  • Den schreitenden Löwe (für Sterling Silber) oder die sitzende Britannia (für 958er Britannia Silber).
  • Das Zeichen für den Ort des Punzamtes, z.B. der Anker für Birmingham, die Krone für Sheffield oder der "crowned leopard`s head" für London. der von 1697 - 1720 gegen den "lion`s head erased" (Britannia silber) getauscht wurde. Bei Punzämtern muss jedes Stück vorgelegt werden und wird dort auf den ordnungsgemäßen Silbergehalt geprüft.
  • Den Jahresbuchstaben. Die Unterscheidung über die Jahrhunderte erfolgt durch Groß- bzw. Kleinschreibung, die Form des Buchstabens und die Form des Schildes, das den Buchstaben umgibt.
  • ggf die Steuermarke: Von 1784 - 1889 (und vereinzelt noch heute) wurde meist zusätzlich noch der Kopf des aktuellen Königs / der aktuellen Königin als Steuermarke für u.a. den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gepunzt.

jugs und ewer aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

 

Eine traditionelle Form der Steueroptimierung

 Da auf hallmarked silver zu bestimmten Zeiten Steuern anfielen, gab es Vermeidungsstrategien.
Wer dazu tiefer einsteigen möchte, dem empfehle ich den Artikel von David McKinley:

The Background To "Duty Dodgers" (hier klicken)

Der Artikel ist auf Englisch, weshalb Sie sich jetzt eine kleine Pause verdient haben.

Man beachte das wichtige Detail auf der Hafenmauer!

 

Gängige Praxis für Duty Dodger:

Von Teedosen dieser Art wurde nur der herausnehmbare Boden für die Punzierung und Besteuerung nach Gewicht vorgelegt. Nicht der Korpus mit Deckel.

Man spart wo man kann!

  Eine Geschichte zum Thema habe ich noch:

1973 wurde in England der Hallmarking Act erlassen. Diese aktuelle gesetzliche Zusammenfassung der seit Jahrhunderten bestehenden Regeln und Erlasse zur Punzierung von Silber und anderen Wertmetallen ist ja nur sinnvoll und steht in einer langen Tradition.
Auch die darin verankerte Regelung, dass der Handel mit nicht oder nicht ordnungsgemäß gepunztem Silber verboten ist. Alles gut. Aber was macht man heute mit den duty dodgern von vor 300 Jahren?

Man kennzeichnet sie. Wenn "die Polizei" sie findet.
So durchstreifen also ab und zu Kontrolleure im Vorfeld der Auktionen bei Christies + Co. die Ausstellung und fordern die Auktionshäuser "bei Verdacht" auf, die Stücke aus der Auktion zu nehmen und zunächst dem Assay Office zur Prüfung vorzulegen.
So geschah es auch bei dieser Kaffeekanne: 

 1736   Paul Crespin   London

 Der Vorwurf: (Ich habe den email-Schriftverkehr von Bonhams)
Nicht, dass die Kanne in irgendeiner Weise eine Fälschung sei. Nein, die Kanne ist von Paul Crespin und aus der Zeit.
Da passt alles: Design und Größe, Farbe und Zustand des Silbers, zeitgenössisches Wappen. 

Außerdem stimmt das eingeschlagene scratch-weight (das Gewicht bei Punzierung) genau: 24 troy ounces und 8 pennyweights sind 759 Gramm (ohne Griff). Die Kanne wiegt heute, (mit trockenem Holzgriff abzüglich dem üblichen ganz leichten Polierverlust über die Jahrhunderte), 781 Gramm.

   

Es steht in Verbindung zur Familie Crips

 

 Das Crips Monument in der

St. Mary´s Chruch in Wingham, Co. Kent.

 Aber der gute Paul hätte sich einer weit verbreiteten Methode des duty dodging bedient und aus einem gepunzten kleinern (leichteren) versteuerten Stück die Punzen ausgeschnitten und für diese Kanne im Boden benutzt. Man kann zwar überhaupt keine Naht erkennen, aber die Punzen lägen ein wenig zu nah beieinander und ließen Rückschlüsse zu auf eine vormals kleinere Fläche zu. Aha ... ok.

Wie schon an anderer Stelle gesagt: das löst eigentlich nur ein Schmunzeln aus - so lange nicht jemand eine neue Kanne mit alten Punzen fälscht.
Immerhin, die Hilfspolizisten konnten stolz einschlafen, nachdem sie die Punzen am Boden der Kanne wie vorgeschrieben gekreuzt und Ihre Verwaltungsnummer LAO 8956 eingeschlagen hatten.
Und jetzt ist der Verkauf auch wieder legal.

 Ochtnung muss sein! :-)

 Vergessen wir bei der Preisgestaltung nicht die Gebühren der Auktionshäuser (mit MwSt und Versand meist an die 30%!) und für Ebay, paypal oder Kreditkarten. Auch ich muss diese Gebühren einrechnen, wenn ich ein Stück verkaufen möchte. Aber die können Sie ja umgehen durch direkten Kontakt...

Im übrigen behaupte ich mal, dass ich schon immer beim Kauf auf gute Qualität geachtet habe - und deshalb können Sie sicher sein, dass die von mir angebotenen Sammlerstücke auf dem Niveau des besten Einzelhandels liegen.


Nicht ganz unwesentlich zur Werterhaltung trägt auch eine sachgemäße Pflege bei. Lesen Sie dazu 

Silberpflege (hier klicken)


Reproduktionen? Ja, warum nicht!

die begehrte und technisch anspruchsvolle oktagonale Grundform

 Wenn sich eine Frau heute einen Mini-Rock kauft, dann ist der von ich weiß nicht welcher Firma. Vielleicht wird er sogar als letzter modischer Schrei eines angesagten Designerlabels verkauft. "Original" ist er aber sicher nicht.

Der wurde wohl schon 1932 in der Operette "Der Zarewitsch" von Franz Lehár der Welt präsentiert - und Anfang der 60er Jahre von der britischen Modeschöpferin Mary Quant zu einem Verkaufsschlager gemacht. Aber wenn es gefällt, warum soll ein Modelabel nicht auch heute noch Röcke in dieser Art herstellen? Reproduktionen also.

Beim Silber gibt es das auch:

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es praktisch keine kompletten Tee- und Kaffeeservice. Es war üblich, dass alle Teile einzeln gekauft wurden. Wenn also jemand gerne ein solches Service hätte im Stile von Paul de Lamerie oder den Batemans, dann bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als eine Reproduktion zu kaufen. Also ein später im Stile der Epoche gefertigtes Service.

Achtung: Nicht zu verwechseln mit Fälschungen. Reproduktionen sind keine Fälschungen, bei denen ein später gefertigtes Stück durch Manipulation der Punzen auf alt getrimmt wird.
Es sind ganz einfach nach zeitlosen beliebten Designvorlagen gefertigte Originale der neuen Zeit.

1953   Comyns im Stil von Paul de Lamerie

1988 Vander im Stil von Hester Bateman

Und wenn diese Leuchter keine Reproduktionen wären, dann wären sie unerreichbar. Denn die Originale hat Paul de Lamerie 1731 gefertigt für Sir Robert Walpole, dem 1. Premier Minister Großbritanniens.

1968   Vander   London

Höhe 32 cm und Gesamtgewicht 5,8 kg